Wissen
Skriptum Wissensmanagement Professor U. Schneider
Sie haben – in verschiedenen Vorträgen – vermutlich bereits Bekanntschaft mit einer Reihe von WM-Ansätzen geschlossen. In diesem Skriptum finden Sie einen weiteren selektiven Überblick über solche theoretischen Hilfen, Ihre praktischen Aufgaben zu strukturieren. Unsere gemeinsame Arbeit wollen wir allerdings den „dunklen“ Seiten des WM widmen, die von der positiv gestaltungsorientierten Literatur ausgeblendet werden.
Unter positiv gestaltungsorientierten Zugängen verstehe ich den verbreiteten Brauch, dass nahezu jeder Autor und jede Praktikerin durch Umschichtung, Neu-Benennung und Hinzufügung von Aspekten ein eigenes Leitmodell für WM-Aktivitäten entwickelt, so dass praktisch Handelnde sich zu guter Letzt mit einer unübersehbaren Fülle konfrontiert sehen: Einige Dutzend verschiedene Motivationsansätze, einige Hundert Customer-Relationship-Management-Modelle … und eben eine Unzahl von Ansätzen zum Wissensmanagement.
Die Entstehung der Vielfalt ist einfach erklärt:
- Einerseits ist das Phänomen komplex und nicht durch eine Perspektive zu erfassen („edle“ Erklärung)
- Andererseits handelt es sich um Produktdifferenzierungen konkurrierender Anbieter aus den Feldern Beratung und Forschung
- Schließlich scheint das vielfältige Angebot auf Resonanz seitens der Nachfrage zu treffen: Eine Vielfalt von Angeboten signalisiert gründliche Durchdringung und Wahlfreiheit in Situationen, die für die Nachfrager mehrdeutig und schlecht strukturiert erscheinen.
Doch, bei näherem Hinsehen, kommen unangenehme Fragen auf:
- Was nützt ein 36stes Modell, wenn schon mögliche Einsichten aus dem ersten nicht gewonnen, geschweige denn umgesetzt wurden?
- Management – als Integration divergierender Interessen sowie konfliktärer funktioneller Erfordernisse und lokaler Bedürfnisse – hat es zwangsläufig mit Komplexität, Unentscheidbarkeit, Mehrdeutigkeit und Paradoxien zu tun. Diese Spannung ist instrumentell nicht zu beseitigen, das sollten Sie bei aller Euphorie für neue Managementansätze immer mit-denken. Oder wie Dirk Baecker sagt: „Management ist die Fähigkeit, mit Ungewissheit auf eine Art und Weise umzugehen, die diese bearbeitbar macht, ohne das Ergebnis mit Gewissheit zu verwechseln.“ (Baecker, 1994, Vorwort, 9)
- „Regen vorhersagen kann jeder. Archen bauen, das zählt.“ Viele Motive und Themen im Management tauchen in neuer begrifflicher Verkleidung deshalb immer wieder auf, weil Lösungen zwar theoretisch (relativ) einfach, aber praktisch schwer zu leben sind: Wo Menschen im Spiel sind menschelt es: Menschen haben eigene Ziele und Präferenzen, sind kognitiv und emotional begrenzt, sind nicht auf ihre Funktion als Wirtschaftstreibende zu reduzieren. Immer wieder neue Ansätze versprechen mehr Rationalität, weniger Eigen-Sinn… und müssen doch das Motiv, beherrschen zu wollen, Kontrolle zu haben, immer wieder enttäuschen.
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